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Patent-Crosslizensierung und Open Source – Das Open Invention Network beim “meet & greet” mit open it berlin

Open IT Berlin, das Berliner Netzwerk für Freie IT, führt in Kooperation mit der OSB Alliance und der Landesinitiative ProjektZukunft und dem SIBB e.V. am 13. November 2014 das nächste Meet and Greet durch. Es gibt Vorträge über Netzwerkmonitoring, Open-Source-Web-Infrastruktur, Schutz vor Ausspähung, die Document Foundation und einen von mir über den Umgang mit und den Schutz vor Softwarepatenten im Open-Source-Umfeld.

open it berlin

Patent-Crosslizensierung und Open Source – Das Open Invention Network

Dem Management von Patentrisiken kommt vor dem Hintergrund der drastisch gestiegenen Anzahl von Patentstreitigkeiten und der Aktivitäten von “Patenttrollen” eine insbesondere für kleine und mittelständige Unternehmen regelrecht existentielle Bedeutung zu. Das Open Invention Network wurde 2005 gegründet, um durch den Aufbau eines defensiven Patentpools und dessen Crosslizensierung einen Schutz des Open-Source-Ökosystems vor Softwarepatenten aufzubauen. In Zusammenarbeit mit der Linux Foundation und den Gründern steht die freie Mitgliedschaft allen Unternehmen und Contributor offen, die bereit sind, ein gegenseitiges Non Aggression Agreement einzugehen. Der Vortrag beschreibt das Konzept des Open Invention Network, den Wirkungsbereich des Non-Aggression-Netzwerks und die Möglichkeiten zur Mitwirkung für Unternehmen.

http://openitberlin.de/veranstaltungen/meet-greet-mit-open-it-berlin
— Mirko Boehm

Wer also interessiert ist an den Fallstricken, die sich in Softwarepatenten verbergen und wie das Open Invention Network am Schutz vor diesen arbeitet, dem sei der Termin ans Herz gelegt.

Weitere Details zur Veranstaltung gibt es auf der Webseite von Open IT Berlin. Die Veranstaltung ist findet in deutscher Sprache und ist kostenfrei. Um Anmeldung wird trotzdem gebeten, denn es gibt Catering! :-)

“Open Source in Wirtschaft und Gesellschaft” an der Sommeruni 2013 des evangelischen Studienwerks

Jedes Jahr wieder findet die Sommeruni des evangelischen Studienwerks statt. In diesem Jahr mit dabei war das Seminar “Open Source in Wirtschaft und Gesellschaft” von Mirko Boehm. Paul Adams unterstützte als Ko-Referent. Karsten Gerloff, Präsident der FSFE, trat als Gastredner auf. Da sich die Teilnehmer ihre Seminare nach eigenem Interesse selbst aussuchen, fand sich ein bunte Mischung von Medizinern über Naturwissenschaftlern bis zu Theologen zusammen. Die Verbindung aus Neugier, Heterogenität der Gruppe und inspirierender Umgebung sorgte für explosive Debatten, hitzige Diskussionsrunden und eine wie Flug vergangene Woche.

Schwerpunkte des Seminars waren die Fragen, wie Open-Source-Communities eigentlich funktionieren, was Einzelne zur Mitwirkung motiviert, wie sich freie Produkte in die Wirtschaftsordnung integrieren und welche politischen Herausforderungen und Veränderungen zu bewältigen sind. Während schnell Einverständnis herrschte darüber, das der Open Source Way ein gesellschaftliches und kein technisches Problem ist, wurde zu anderen sonst in der Netzgemeinde als selbstverständlich vermutete Ansichten wie “das Internet gehört den Benutzern” gut argumentiert hinterfragt. Wer trägt die Verantwortung für durch unvorsichtige Bewertungen beschädigte Reputation, muss alle Teilhabe in Zukunft im Netz stattfinden, braucht es eine Internetpolizei, das Strafrecht der realen Welt erweiternde Sanktionen, die Regulierung des Netzes? Durch die diversen Blickwinkel war manchmal nicht klar, wer mehr von wem lernte, die Seminarleitung oder die Teilnehmer.

Karsten Gerloff berichtete über die politische Bedeutung von Freier Software und offener Innovation, die Bedrohung durch Softwarepatente und die Kampagnenarbeit der FSFE.

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Paul, Karsten und Mirko bei der Sommeruni

Die Beschäftigung mit der Materie war dabei von deutlicher Ernsthaftigkeit geprägt. Zum Beispiel brauchten die Teilnehmer etwa fünf Minuten, um den systematischen Unterschied bei der Integration von Copyleft- oder Permissive-lizensierten Beiträgen zu verstehen – ein Prozess, der bei nicht wenigen Freie-Software-Communities entweder gar nicht oder erst recht spät verstanden wird. Paul Adams war sichtlich beeindruckt. Dieses tiefe Eintauchen ins Thema steht beispielhaft für das allgemein starke Engagement der Stipendiaten, die ihr Studienwerk in weiten Bereichen selbst verwalten – bis hin zur Zusammenstellung des Programms der Sommeruniversität selbst.

Bei der traditionell turbulenten Abschlussveranstaltung am Donnerstagabend wurden die Vier Freiheiten anhand der kollaborativen Beschwörung des Geists von Villigst illustriert – wenn das nicht eine erfolgreiche Wissensvermittlung verdeutlicht… Unser einstimmiges Fazit – definitiv eine Woche lohnend investierter Zeit, die Paul Adams und ich in guter Erinnerung behalten werden. Neben den Teilnehmern war auch das Organisationsteam (ebenfalls sich freiwillig engagierende Stipendiaten) ausgesprochen engagiert und sorgte für einen reibungslosen, angenehmen Ablauf von insgesamt sechs parallel verlaufenden Seminaren. Sehr beeindruckend.

Petition: Hollyweb, W3C und Lobbyisten für “Digital Rights Management” im HTML5-Standard

[Ursprünglich auf netzpolitik.org]

hollyweb

Der fast fertige HTML5-Standard für Webseiten soll technische Möglichkeiten zur Inhalte-Kontrolle erhalten. Mit dem gefährlichen “Digital Rights Management” (DRM) ist aber schon die Musikindustrie gescheitert. Netzpolitische Organisationen rufen dazu auf, eine Petition dagegen zu unterzeichnen – macht mit!

Das HTML-Protokoll ist für das Internet zentral wie die Luft zum Atmen. Es beschreibt, wie Inhalte im Webbrowser dargestellt werden. Kein Wunder, dass die Neutralität, Unabhängigkeit und Offenheit dieses Protokolls nahezu allen Usern ausgesprochen wichtig sind. Genau diese Grundsätze sind jetzt in Gefahr, weil die Medienindustrie ihre Lobbyisten auf das World Wide Web Consortium (W3C) angesetzt hat, um eine standardisierte Schnittstelle für DRM-Mechanismen direkt in das HTML-Protokoll zu integrieren.

Bisher gibt es keine solche Schnittstelle im Protokoll, was zu Auswüchsen wie dem Flash-Plugin geführt hatte. Unter dem Vorwand, einen Ersatz für Flash zu schaffen, sollen nun Schnittstellen für proprietäre Erweiterungen in HTML in den Standard integriert werden. Damit entstehen mindestens zwei schwerwiegende Einschränkungen für User: Sie können nicht mehr jederzeit alle Inhalte empfangen, und die Implementierung der proprietären Erweiterungen ist nicht mehr vollständig in freien Webbrowsern wie Firefox möglich. Gerade diese Freiheiten sind Hollywood ein Dorn im Auge, so dass es mit Sicherheit keine Vorteile für Anwender gibt, mit denen sich diese Erweiterungen begründen lassen. Es soll die Einführung und Verbreitung von DRM-Technologie erleichtert werden, weil auf diese Weise jeder standardkonforme Browser als DRM-Schnittstelle dienen kann. Mehr nicht.

Die gründlichste Erklärung zu diesem komplexen Thema hat bis jetzt die Electronic Frontier Foundation geliefert. Ihr Artikel ruft zur Mitzeichnung einer Petition gegen die geplante “Encrypted Media Extension” auf:

Tell the World Wide Web Consortium (W3C) and its member organizations not to embrace a proposal that undermines the very purpose of the HTML standard upon which the Web is built – freedom.

Mitte März wandte sich Autor und Netzaktivist Cory Doctorow in einem Guardian-Blogeintrag mit dem Titel “What I wish Tim Berners-Lee understood about DRM” direkt an den HTML-Pionier Tim Berners-Lee. Darin äußert Doctorow seine Besorgnis darüber, dass im Rahmen des W3C über eine Erweiterung des HTML5-Standards um eine standardisierte Schnittstelle für Kopierschutztechnologien (Digital Rights/Restrictions Management, DRM) diskutiert wird:

Adding DRM to the HTML standard will have far-reaching effects that are incompatible with the W3C’s most important policies, and with Berners-Lee’s deeply held principles.

Das W3C hat bis jetzt großartige Arbeit beim Erstellen und Verwalten Offener Standards geleistet. Dieses fundamentale Prinzip ist unabdingbar für die Rolle, die das Internet inzwischen als öffentlicher und politischer Raum gewonnen hat. Man opfert kein Prinzip den Verwertungsinteressen der Industrie. Wir fordern unsere Leser auf, sich zu informieren und die Petition zu unterstützen.


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Eine offene, freie und zukunftsorientierte IT-Strategie für das Land Berlin?

[Ursprünglich auf netzpolitik.org]

Wie überwindet die Hauptstadt trotz knapper Kassen die nächste Modernisierungshürde ihrer IT-Landschaft, und die darauf folgenden? Am Donnerstag berät der Berliner Senat über einen Antrag der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen, welcher auf eine strategische Neuausrichtung der Berliner IT hin zu Freier Software abzielt. Der Antrag schlägt eine Anzahl von konkreten Massnahmen vor, wie eine solche Strategie umzusetzen wäre. Dazu gehören unter anderem die Einrichtung eines Open-Source-Kompetenzzentrums unter Beteiligung der Bezirke und von Forschungseinrichtungen, und ein stufenweises Investitionsprogramms. Interoperabilitätsprobleme sollen durch die Einrichtung einer IT-Clearingstelle gelöst werden. Bestehende und zukünftige Einsatzfelder von Freier Software sollen zentral dokumentiert und mittels offener Formate veröffentlicht werden.

netzpolitik.org und die Free Software Foundation Europe begrüssen den Antrag der Grünen ausdrücklich, insbesondere weil sich einige ihrer Kernforderungen darin wiederfinden. Dazu gehört der Grundsatz, dass speziell für Berlin entwickelte Softwarelösungen unter freien Lizenzen veröffentlicht werden sollen. Auch die Abschaffung der Diskriminierung gegen Freie Software bei Ausschreibungen gehört dazu, ebenso die Umstellung aller Schnittstellen und Dokumente auf offene Standards und Formate.

Zur Begründung führen die Grünen unter anderem die Freiheiten an, die sich daraus für Land, Verwaltung und Bürger ergeben. Einfache Weitergabe, Abbau von Diskriminierungen von Benutzergruppen, aber auch die zurückgewonnene Transparenz und Handlungsfreiheit abseits von Herstellerbindungen und Updatezwängen sprechen für den Vorschlag. Im kommenden Jahr steht die mehr oder weniger zwangsweise Migration weg von bestehenden Windows-XP-Systemen an – eine Gelegenheit, die sich für das endgültige Upgrade hin zu Freier Software regelrecht anbietet. Der Investitionsstau ist angesichts der Kassenlage anders kaum zu bewältigen. Durch eine enge Kooperation mit der im Antrag genannten Erfolgsstory LIMUX und anderen regionalen Initiativen lassen sich bereits jetzt grössere Einsparungen realisieren. Der Antrag schliesst mit “in der Förderung von Open-Source-Software [liegt] die Kernaufgabe der Netzpolitik” – dem können wir uns nur anschliessen! Nach dem Flughafendebakel und dem S-Bahn-Chaos kann Berlin eine positive Story gut gebrauchen. Viel Erfolg!

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Long tail of work, Plattformneutralität, Open Societal Innovation – summit of newthinking, day 2

Der zweite Tag im Open Business Track des summit of newthinking startete mit einer kleinen Enttäuschung – Jan Wildeboer von Redhat steckte in Südafrika fest, so dass der “The Road to Open”-Talk leider ausfallen musste.

Sebastian Schmidt, "Long tail of work"Dafür ging es danach richtig gut weiter mit Sebastian Schmidts Vortrag aus der Internet und Gesellschaft Co:llaboratory-Arbeitsgruppe zur Neuen Arbeit. In seiner Präsentation wurden die Irrungen und Wirrungen zweier Personas aus der hippen Welt der selbständigen Wissensarbeiter vorgestellt.

Thomas Schindler stellte seine Idee vor, wie man die Welt mit Währungen retten kann. Leider hab ich seinen Punkt nicht komplett verstanden, so dass ich nicht wiedergeben kann, wie es genau geht.

Mark Gayler (Microsoft) on "Open Data, Open Innovation and the Cloud"Microsoft präsentierte im Open Business Track zu “Open Data, Open Innovation and The Cloud” – recht mutig von Microsoft, sich in die Höhle des Löwen zu wagen. Mark Gayler erklärte jedenfalls vorher, dass er am liebsten vor einem kritischen Auditorium vorträgt. Wir denken, das ist gelungen, und für das Spektrum des Tracks war Marks Vortrag definitiv eine willkommene Bereicherung. Naturgemäss wurden mögliche Nutzungsszenarien von Open Data im Kontext von Microsoft-Lösungen vorgestellt, aber die Anforderungen an offene Datenquellen für die Umsetzung von Lösungen sind sich sehr ähnlich. Es gab aber auch Verweise auf freie Software von Microsoft für Cloudlösungen, die auf Github gehostet wird – geht doch :-)

Ulf Brandes sprach über die Gemeinwohlökonomie, einem Open-Source-Modell für Corporate Social Responsibility. Er betreibt einen regionalen Erfahrungsaustausch von Unternehmen, die für sich einen ethischen Ausgleich zwischen Unternehmens-, individuellen und gesellschaftlichen Interesse zu finden suchen.

Magdalena Reiter sprang für den erkrankten Adam Thomas ein und sprach zu Open Design – ihr Überraschungsvortrag war ein echtes Highlight. Sie ist Designerin, und musste sich irgendwann durch die Sinnkrise darüber wursteln, ob die Welt die neuen Produkte wie Sojasossenspender, die sie designed, wirklich braucht. Nach einer kurzen Flucht in das Designen von flüchtigen Dingen wie Events oder Kunstprojekte untersuchte sie in Berlin, wie Designer, Theoretiker und Unternehmer sich eine offene Wirtschaft vorstellen, die nützliche Güter produziert. Sie beschrieb, wie insbesondere in der Kunstwelt eine Bewusstseinsänderung zu mehr Zusammenarbeit und weniger Abgrenzung passieren muss.

Ulrike Höppner und Michael Seemann veranstalteten einen Workshop mit Vortrag und Diskussion zur Frage der Plattformneutralität. Es ging darum, wann Plattformen zum Teil des öffentlichen Raums und damit unverzichtbar werden, und weshalb daraus die Forderung der Nutzer nach der Transferierbarkeit der Daten und neutralem Zugriff von Wettbewerbern entsteht.

Jörg Braun und Johann Herzberg hielten das abschliessende Panel über Open Societal Information. Johann hat über das Thema promoviert, und stellt insbesondere die Frage, wie Innovation im Bezug auf die Gesellschaft aussehen kann. Die Gesellschaft muss nicht unbedingt mehr kommunizieren (Wir müssen jetzt twittern/ins Internet/…), sie muss insbesondere lernfähig sein. “Ohne gesellschaftlichen Druck passiert in der Politik gar nichts.” Parteien kann man zwar nicht kaufen, aber wählen (*Gehuste im Publikum*). Diese Session hatte die lebhafteste Diskussion von allen und wollte nicht enden.

Das wars dann mit dem summit of newthinking 2012. Insgesamt eine gelungene Veranstaltung. Das Vortragsprogramm insgesamt (nicht nur im Open Business Track) war erste Sahne, mit einem breiten Spektrum an Beiträgen und einem bunt gemischten Publikum. Das Ziel, ein Forum zu schaffen, auf dem Aspekte von Open Strategies quer durch die Gesellschaft kreativ und inklusiv diskutiert werden, wurde definitiv erreicht. Wer diesmal nicht dabei war, sollte sich ärgern und schon mal das Ticket fürs nächste Jahr kaufen. Ich freue mich auf #son13.


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