Monthly Archives: November 2012

Long tail of work, Plattformneutralität, Open Societal Innovation – summit of newthinking, day 2

Der zweite Tag im Open Business Track des summit of newthinking startete mit einer kleinen Enttäuschung – Jan Wildeboer von Redhat steckte in Südafrika fest, so dass der “The Road to Open”-Talk leider ausfallen musste.

Sebastian Schmidt, "Long tail of work"Dafür ging es danach richtig gut weiter mit Sebastian Schmidts Vortrag aus der Internet und Gesellschaft Co:llaboratory-Arbeitsgruppe zur Neuen Arbeit. In seiner Präsentation wurden die Irrungen und Wirrungen zweier Personas aus der hippen Welt der selbständigen Wissensarbeiter vorgestellt.

Thomas Schindler stellte seine Idee vor, wie man die Welt mit Währungen retten kann. Leider hab ich seinen Punkt nicht komplett verstanden, so dass ich nicht wiedergeben kann, wie es genau geht.

Mark Gayler (Microsoft) on "Open Data, Open Innovation and the Cloud"Microsoft präsentierte im Open Business Track zu “Open Data, Open Innovation and The Cloud” – recht mutig von Microsoft, sich in die Höhle des Löwen zu wagen. Mark Gayler erklärte jedenfalls vorher, dass er am liebsten vor einem kritischen Auditorium vorträgt. Wir denken, das ist gelungen, und für das Spektrum des Tracks war Marks Vortrag definitiv eine willkommene Bereicherung. Naturgemäss wurden mögliche Nutzungsszenarien von Open Data im Kontext von Microsoft-Lösungen vorgestellt, aber die Anforderungen an offene Datenquellen für die Umsetzung von Lösungen sind sich sehr ähnlich. Es gab aber auch Verweise auf freie Software von Microsoft für Cloudlösungen, die auf Github gehostet wird – geht doch :-)

Ulf Brandes sprach über die Gemeinwohlökonomie, einem Open-Source-Modell für Corporate Social Responsibility. Er betreibt einen regionalen Erfahrungsaustausch von Unternehmen, die für sich einen ethischen Ausgleich zwischen Unternehmens-, individuellen und gesellschaftlichen Interesse zu finden suchen.

Magdalena Reiter sprang für den erkrankten Adam Thomas ein und sprach zu Open Design – ihr Überraschungsvortrag war ein echtes Highlight. Sie ist Designerin, und musste sich irgendwann durch die Sinnkrise darüber wursteln, ob die Welt die neuen Produkte wie Sojasossenspender, die sie designed, wirklich braucht. Nach einer kurzen Flucht in das Designen von flüchtigen Dingen wie Events oder Kunstprojekte untersuchte sie in Berlin, wie Designer, Theoretiker und Unternehmer sich eine offene Wirtschaft vorstellen, die nützliche Güter produziert. Sie beschrieb, wie insbesondere in der Kunstwelt eine Bewusstseinsänderung zu mehr Zusammenarbeit und weniger Abgrenzung passieren muss.

Ulrike Höppner und Michael Seemann veranstalteten einen Workshop mit Vortrag und Diskussion zur Frage der Plattformneutralität. Es ging darum, wann Plattformen zum Teil des öffentlichen Raums und damit unverzichtbar werden, und weshalb daraus die Forderung der Nutzer nach der Transferierbarkeit der Daten und neutralem Zugriff von Wettbewerbern entsteht.

Jörg Braun und Johann Herzberg hielten das abschliessende Panel über Open Societal Information. Johann hat über das Thema promoviert, und stellt insbesondere die Frage, wie Innovation im Bezug auf die Gesellschaft aussehen kann. Die Gesellschaft muss nicht unbedingt mehr kommunizieren (Wir müssen jetzt twittern/ins Internet/…), sie muss insbesondere lernfähig sein. “Ohne gesellschaftlichen Druck passiert in der Politik gar nichts.” Parteien kann man zwar nicht kaufen, aber wählen (*Gehuste im Publikum*). Diese Session hatte die lebhafteste Diskussion von allen und wollte nicht enden.

Das wars dann mit dem summit of newthinking 2012. Insgesamt eine gelungene Veranstaltung. Das Vortragsprogramm insgesamt (nicht nur im Open Business Track) war erste Sahne, mit einem breiten Spektrum an Beiträgen und einem bunt gemischten Publikum. Das Ziel, ein Forum zu schaffen, auf dem Aspekte von Open Strategies quer durch die Gesellschaft kreativ und inklusiv diskutiert werden, wurde definitiv erreicht. Wer diesmal nicht dabei war, sollte sich ärgern und schon mal das Ticket fürs nächste Jahr kaufen. Ich freue mich auf #son13.


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Open state, open oil, collaborative consumption – summit of newthinking, day 1

Der summit of newthinking ging am 15. November zum ersten Mal an den Start. Als Kurator des open business tracks war meine wesentliche Aufgabe, für ein spannendes Program zu sorgen. Im Rückblick auf den ersten Tag sieht es aus, als ob das Ergebnis als Erfolg verbucht werden kann. Alles englische Überschriften, aber insgesamt fand der summit of newthinking vorrangig auf Deutsch statt. Hier ein paar Auszüge:

Open Strategy: Mehr als Crowdsourcing von Ideen?Leonhard Dobusch eröffnete mit der Frage, was “Offen” in offenen Strategien eigentlich bedeutet. Dabei prägte er den bahnbrechenden Satz “Offen ist nicht gleich offen”, der sicherlich in die Geschichte der Internetökonomie eingehen wird. Leonhard bezog sich dabei auf die Unterscheidung zwischen Crowds und Communities. Während Offenheit gegenüber Crowds vor allem Offenheit für Ideen von Außen bedeutet, erfordert Offenheit gegenüber Communities den Eintritt in einen echten Dialog. Im Bereich von Open Strategie, also der Öffnung von Strategiefindungsprozessen, geht es demnach vor allem darum, Crowd- und Community-Logiken unter einen Hut zu bringen. Die Slides zu seinem Vortrag sind inzwischen verfügbar.

Daniel Kruse, Simon Kiepe und Dominik Wind stellten ihr Open-State-Projekt vor, mit dem sie die Teilhabe von Bürgern an der Entwicklung von nachhaltiger Infrastruktur stärken wollen. Sehr spannend. Am Ende des Vortrags stand die Einladung zu openstate.cc, einer Conference/Camp/Community im kommenden Sommer zur Entwicklung solcher Lösungen – “and everything will be open-sourced”.

Anina von 360Fashion beschrieb nicht nur, wie sich die chinesische und die westliche Kultur in Sachen Business unterscheiden, sie zeigte auch ein paar belebende Beispiele für die Konvergenz von traditionellen (Papier) und neuen Medien (Tablet). Sie zeigte Beispiele auf Stellwänden über die Kamera ihres Tablets, eine prima lebendige und überraschende Technik. Als dann die statischen Zeitungsbilder auf dem Projektor sich zu bewegen anfingen, flog mir das Blech weg.

Eric Eckhart zeigte in einem faszinierenden Vortrag, wie man sich als Musiker wehren kann, in dem man seine eigene Musikindustrie baut. Vom Agenten bis zum Label und zum Studio, alles kollaborativ organisiert. Der Launch des Albums ist demnächst geplant.

Zara Rahman von OpenOil zeigte das “Oil Contracts- How to Read and Understand them”-Buch, das kürzlich in einem einwöchigen Booksprint mal fix geschrieben wurde (wir hatten hier darüber berichtet). Alle waren begeistert, aber es blieb trotzdem die offene Frage, wir man solche Beiträge zum Gemeinwohl finanzieren kann, auf die wir später noch einmal zurückkamen.

Dann gab es noch ein Panel moderiert von Celine Schmahl zu “Collaborative Consumption” – mit spannenden Mitstreitern von Gidsy, Kinderfee, Airbnb und Deskwanted. Auch hier gab es wieder Grundsatzfragen zu wie Offenheit und Zusammenarbeit das Wirtschaften und Verbrauchen verändern – spot-on für den Open Business Track.

Morgen (Freitag der 16.) geht es weiter mit Tag 2 des summit of newthinking. Das Programm bleibt spannend. Die Party am Abend wurde mit dem Beyond Fashion Summit im Nachbarraum zusammengelegt. Prima wars. Prost.


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#nk12 – Recht auf Zugang, Netzneutralität, informationelle Selbstbestimmung

[ursprünglich erschienen auf netzpolitik.org]

Das Verschwimmen der Rollen von Produzent und Konsument im Netz – von Netzpolitik über bürgerliche Freiheiten, Institutionen und Regulierung zum Digitalen Gesellschaftsvertrag

Von Netzpolitikaktivisten wird regelmäßig angenommen, sie wären strikt gegen Regulierung im Internet, denn es gilt die anarchistische Hackerkultur hochzuhalten. Als die grüne Bundestagsfraktion einlud, beim 12. Netzpolitischen Kongress der Grünen Beiträge zum angestrebten Digitalen Gesellschaftsvertrag einzubringen, habe ich daher die Gelegenheit ergriffen zu präsentieren, warum Netzpolitik notwendig Regulierung bedeutet, und weshalb es das gegenwärtige Rumgedoktore an Symptomen zu überwinden gilt. Naturgemäß ging es vorrangig um Freie Software, die Ökonomie des Internets, kreative Zerstörung und die digitale Gesellschaft. So ist hoffentlich für jeden was dabei. Der Beitrag ist zugegebenermassen etwas länglich, weil er sich am Inhalt des Workshops orientiert.

Das Internet bewirkt vor allem eine Veränderung im Umgang mit Informationen – sie sind jederzeit verfügbar, von zunehmend hoher Qualität, und es können wesentlich mehr Informationen in der gleicher Zeit verarbeitet werden. Was bedeuten diese technischen Offensichtlichkeiten für das Wirtschaften? Dazu ist es notwendig, sich Voraussetzungen für das Funktionieren des neoklassischen Marktmodells zu vergegenwärtigen – vollkommene Information, viele uniforme Marktteilnehmer und eine hohe Anzahl von Transaktionen. Diejenigen Märkte, für welche die im Internet verfügbaren Informationen relevant sind, werden also effizienter – Transaktionen können schneller und zu geringeren Kosten abgewickelt werden und es ist leichter, sich umfassend zu informieren und dadurch bessere Entscheidungen zu treffen. Diese durch das Internet induzierte verbesserte Effizienz der Märkte ist eine der Ursachen sowohl für das Gefühl des Agierens auf Augenhöhe des Netzbürgers untereinander als auch für das Wegbrechen von warmen Nischen, in denen sich Anbieter komfortabel breitgemacht hatten.

Das Internet ist das Medium, in dem sich Akteure und Informationen tummeln. Freie Software ist das Werkzeug, dass sie zusammenbringt. Ohne sowohl freie als auch kostenlos verfügbare Produktionsmittel würde das Internet nicht annähernd die Akzeptanz und insbesondere die wehrhafte Unterstützung erfahren, die gerade sichtbar wird (siehe ACTA). Durch diese einladende Ausgangssituation werden Internetnutzer gleichzeitig zu Produzenten und Konsumenten. Dieses Prinzip war zu Pionierzeiten noch deutlicher – einer der frühen Kritikpunkte an den heute üblichen asymmetrisch schnellen Internetzugängen war, dass dadurch die dezentrale Peer-to-Peer-Struktur des Internet untergraben wird. Obwohl weniger prominent, wirkt dieses Prinzip aber noch heute, und nicht nur bei Journalismus, Musik und Photographie, wo Nutzer originär an der Erstellung der Produkte beteiligt sind. Auch unterschwelliger sind wir alle Produzenten: in soziale Netzwerken dokumentieren wir die Beziehungen zwischen allen möglichen Aspekten des Lebens (und machen sie dadurch ökonomisch verwertbar, durch wen auch immer), und durch Bewertungen übernehmen wir die Filterung der verfügbaren Daten nach Relevanz und Qualität. Diese Metainformationen sind nicht weniger wichtig wie die ursprünglichen, auf die sie verweisen, was daran deutlich wird, dass die Geschäftsmodelle grosser Unternehmen wie Twitter darauf aufbauen diese zu sammeln. Insgesamt sind nicht nur ausgesprochen niedrige Barrieren zu überwinden, um selbst mit zu produzieren, es wird darüber hinaus aktiv darum geworben – nicht zuletzt, weil der Wert dieser riesigen Datenmengen nicht vorrangig dem Nutzer, sondern den dominanten Datensammlern im Netz zu Gute kommt. Jedenfalls ist das Read/Write Internet das Ergebnis, eine Gemeinschaft, in der die Unterscheidung von Produzent und Konsument schwerer wird und sich deshalb Regulierung nicht mehr so schön mit den jeweils Betroffenen einzeln verkungeln lässt.

Wat dem eenen sin Uhl, is dem anneren sin Nachtigal. Effizientere Märkte bedeuten vor allem mehr Wettbewerb und damit mehr Anpassungsdruck, mehr kreative Zerstörung. Jedes neue Produkt ersetzt ein vorheriges, so das es nicht verwunderlich ist, dass sich all diesen neuen Entwicklungen massiver Widerstand entgegenstellt mit dem Ziel, diese wenn nicht ganz zu verhindern, dann doch anständig zu verlangsamen. Wenn wir heute Filmkritiken aus dem Kinosaal verschicken, schadet das nicht nur dem Umsatz von schlechten Schinken, es bleiben auch Berufskinokritiker auf der Strecke, deren Meinung auf einmal kaum noch einen Kinogänger interessiert. Es geht aber auch ernsthafter – (Mikro-) Blogging aus politischen Krisengebieten ersetzt Vor-Ort-Journalismus und ist gleichzeitig schneller und authentischer. Produktbewertungen durch Kunden konkurrieren um die Deutungshoheit etablierter Produkttester, weshalb sie auch gern manipuliert werden – die Stiftung Warentest fährt dieses Jahr zum ersten Mal einen Verlust ein. Auch das ist Teil der digitalen Gesellschaft.

Eine Institution ist ein Regelsystem, welches eine bestimmte soziale Ordnung hervorruft, sagt Wikipedia. Dieser recht weit gefasste Begriff umfasst nahezu alles, woran wir uns gewöhnt haben, insbesondere formelle und informelle Institutionen – Ämter, Vereine, Unternehmen, aber auch das System der Berufsausbildung und die Repräsentanten der Zivilgesellschaft. Woher aber kommen die Regeln für das Regelsystem? Sie entstehen organisch aus dem Umfeld, den Interessen und Aktivitäten der Beteiligten, und erwachsen zur Norm. Oft bewirken sie den Ausgleich von sozialen Interessenkonflikten, oder dienen als Fokalpunkt der Willensbildung. Die Kombination von Internet und Freier Software verändert dieses Umfeld schlagartig (zumindest aus historischer Perspektive), und zwingt dadurch alle betroffenen Institutionen (also praktisch alle) zur Adaption. Obwohl Institutionen aber entstehen, wenn Menschen zusammenarbeiten für ein gemeinsames Ziel, entwickeln sie ein Eigenleben. Sie überdauern nicht nur oft ihre Nützlichkeit, sie verwechseln auch oft ihre konkrete Aufgabe mit der Zeit mit ihrem Daseinsgrund. Passen sie sich nicht effizient genug an, werden sie vom formenden Korsett zur Zwangsjacke. Es ist nicht so, dass sich Institutionen nicht auch weiterentwickeln. Die Anpassung ist aber ein langsamer, vom Leidensdruck getriebener Prozess, der oft genug vom Widerstand gegen notwendige Veränderungen geprägt ist.

Ein paar Beispiele mögen das verdeutlichen. Verfassungsorgane sind natürlich prominente Institutionen, bei denen wir uns deutlich bewusst sind, wie sie durch ihr Umfeld geprägt wurden und sich entwickelten. Unser System der repräsentativen Demokratie ist wesentlich von der Annahme beeinflusst, dass es notwendig ist, wenige Repräsentanten auszuwählen, die dann im Namen aller temporär regieren. Dies ist deswegen notwendig, weil es nicht möglich ist, den Bürger vor jeder einzelnen Entscheidung zu seine Meinung zu befragen. Ist das wirklich noch so? Die Piratenbewegung ist entstanden, weil mit dem Internet die Möglichkeiten der politischen Beteiligung umfassender geworden sind – die einzelne Befragung ist nur einen Klick entfernt, die Kosten sind zu vernachlässigen. Der bestehende Prozess der politischen Willensbildung wirkt veraltet, es entsteht Anpassungsdruck. Trotzdem ist aber zu erwarten, dass (Berufs-)Politiker und Verwaltung weiterhin vor der drohenden Unbill von direkter Demokratie und Volksentscheiden warnen. Völlig uneigennützig, oder als Teil der von Veränderung bedrohten Institutionen?

Freie Software und Peer Production, das Modell, in dem Menschen gemeinsam, kollaborativ an der Erstellung von Gemeingütern arbeiten, bieten eine Alternative zur sonst üblichen Produktion durch Unternehmen oder den Staat. Das Internet ermöglicht eine weitreichende Arbeitsteilung und erleichtert die Koordination, das Zusammensetzen der vielen kleinen Contributions zu einem Ganzen. Dabei setzt der Austausch von Leistungen nicht auf Geld auf, so dass Preisfindung zumindest keine zentrale Rolle spielt. Das Mitwirken wird oft vorrangig als sinnstiftend betrachtet und ist intrinsisch motiviert. Behörden und Unternehmen sind die klassische Alternative zur Community, aber nur, weil es selbst bei Gemeingütern keine Alternativen gab. Und so bemühen sie sich zu begründen, warum trotzdem Schulbücher kein Gemeingut sein sollen, warum ein Leistungsschutzrecht die Verbreitung von Informationen mehr fördert als offenes Berichten im Netz, warum offener Zugang zu Nahverkehrsdaten doch keinen Nutzen stiftet, und so weiter.

Sehr spannend steht es um die Institution der professionellen Ausbildung, vom Beruf bis zum Studium. Schon länger steht sie in Konkurrenz mit dem fortlaufenden lebenslangen Lernen. Mit der wachsenden Bedeutung der professionellen Reputation im Internet sieht sie sich einer entscheidenden Herausforderung gegenüber. Ein Facharbeiterbrief oder ein Diplom sind nichts weiter als verbriefte Reputation, noch dazu statisch. Sie repräsentieren nur unzureichend den tatsächlichen Erfahrungsschatz einer Person. Dieser aber wird zunehmend genauer durch deren digitales Bild im Internet bestimmt, bei Köchen durch Restaurantbewertungen, bei Handwerkern und Versandhändlern durch Käuferfeedback, bei Bloggern durch die Anzahl Followers, bei Experten durch deren LinkedIn-Endorsements und -Empfehlungen. Ist ein Blogger mit grosser Gefolgschaft ein besserer oder schlechterer Berichterstatter als ein Absolvent der Journalistenschule ohne solche? “Show me the code” lautet ein Motto der modernen Arbeitswelt, und verdeutlicht eine neue Kultur der Schaffenden: Reputation statt Jobtitel, Ergebnisse statt Anzug. Nicht umsonst findet sich Widerstand dagegen insbesondere von denen, deren verbriefte Reputation besonders wertvoll erscheint – Ärzte und Lehrer protestieren gegen Bewertungsportale und Professoren wehren sich überraschend gegen Forderungen nach Open Access.

Die Politik findet sich in der Rolle wieder, den aufgezeigten Konflikt zwischen der Freiheit des einzelnen Produ-Konsumenten und dem (positiv ausgedrückt) den Wandel gestaltenden Lobbyismus der etablierten Institutionen durch Regulierung aufzulösen. Während der BDI noch erklärt, das Internet wäre Marktplatz und nicht öffentlicher Raum, um damit Sperrforderungen bei Urheberrechtsverletzungen durchzusetzen, sind sich Politiker zunehmend bewusst, im Netz den (virtuellen) öffentlichen Raum der Zukunft zu sehen, den Raum, im dem sich der politische Willensbildungsprozess abspielt. Gestalten oder Erhalten wird damit zur zentralen Frage der Netzpolitik. Gestalten der errungenen Freiheiten des Netzbürgers, insbesondere von Freiheiten definiert als Abwesenheit von Zwang oder Missbrauch, oder Erhalten von bestehenden Institutionen, auch wenn dies bedeutet, dem Bürger zur Teilnahme zu zwingen.

Sicherlich liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte zwischen Erhalten und Gestalten, im Ausgleich von Interessen. Will man einen länger als eine Wahlperiode gültigen Gesellschaftsvertrag für das Digitale Zeitalter erarbeiten, dann kann dieser Ausgleich nicht erreicht werden, in dem Symptome kuriert (das Kopieren verhindert, der Provider haftbar gemacht, das Umgehen von DRM-Massnahmen verboten) werden. Statt dessen sollten dauerhaftere Prinzipien zum Kern eines solchen Vertrags werden. Die Minimierung und transparente Legitimation von Zwang als Trade-Off zwischen dem öffentlichen und dem Interesse des Einzelnen sind dabei von zentraler Bedeutung. Drei dieser Prinzipien sollten sein

  • Recht auf Zugang zum Internet: Wenn das Internet ein öffentlicher  Raum ist, kann dem Bürger der Zugang nicht auf Grund von Grundrechten nachgeordneten Gesetzen entzogen werden, der Massnahme fehlte die Verhältnismässigkeit. Umgekehrt bedeutet das Recht auf Zugang auch, dass es hoheitliche Aufgabe ist, jedem Bürger Zugang zu ermöglichen.
  • Netzneutralität: Mit Zensur kann kein Prozess der politischen Willensbildung funktionieren. Bürger brauchen die Sicht auf das echte Netz. Neutralität, der ungefilterte, nicht diskriminierende Zugang zum Internet, muss die Norm sein.
  • Recht auf informationelle Selbstbestimmung: Das virtuelle Bild des Ichs bestimmt dauerhaft die persönliche Reputation, das eigene Erscheinungsbild. Die Kontrolle des Bürgers über seine öffentlich bereitgestellten Daten ist wesentliche Voraussetzung für einen zivilen Umgang miteinander. Davon leiten sich Forderungen nach (durchsetzbaren) Löschoptionen, nach interoperablem Export und Import zwischen Diensten und nach Gerätehoheit, also nach selbstbestimmter Verwendung der Geräte ab.

Letztlich bedeuten alle diese Entwicklungen einen Übergang von der technischen Umwälzung Internet zum Internet im Alltag, bei dem Vernetzung Normalität ist, und die Anwendungen des Vernetztseins im Vordergrund steht. Die digitale Bürgerbewegung setzt sich also deutlich nicht gegen Regulierung ein, sondern für einen Gesellschaftsvertrag im Digitalen Zeitalter, der auf Prinzipien basierende Rahmenbedingungen für das Leben im Netz für Netzbürger und Institutionen schafft.

Deep Packet Inspection und Gute Software, schlechte Software

[ursprünglich erschienen auf netzpolitik.org]

Auf dem Netzpolitischen Abend des Digitalen Gesellschaft e.V. trug Christian Mihr von Reporter ohne Grenzen vorgestern zum Export von Überwachungssoftware deutscher Provenienz vor. “Made in Germany” steht für die zweifelhafte Errungenschaft, dass in Diktaturen Überwachungssoftware aus Deutschland eingesetzt wird, um politische Gegner zu verfolgen und Meinungsfreiheit zu unterdrücken. Dabei gibt es Hinweise, dass die deutsche Regierung den Export solcher Software nicht nur billigt, sondern sogar aktiv durch Hermes-Bürgschaften unterstützt.

Die Rechtmässigkeit des Exports dieser Güter wird regelmässig mit dem Dual-Use-Argument begründet, also damit, dass die Überwachungssoftware durchaus für zivile Zwecke eingesetzt werden könnte und deshalb exportiert werden darf. Die zivile Nutzung wird in der Öffentlichkeit in den Vordergrund gestellt. Praktisch wird die Software aber nahezu ausschliesslich zur Überwachung politisch unliebsamer Meinungen durch Ausspähen von Userdaten und Mithören von Kommunikation verwendet. Zivile Anwendungen sind zwar theoretisch möglich, aber auch mit Phantasie kaum vorstellbar.

Reporter ohne Grenzen fordert deshalb in einem Positionspapier zum Internet Governance Forum in Baku die Ausweitung des Geltungsbereichs von Rüstungsexportkontrollen auf Software, die zur Überwachung eingesetzt werden kann. Dies ist zu begrüssen, denn Überwachung ist ein Angriff auf Netzneutralität und eine freiheitliche Willensbildung. Aber es zeigt auch ein Dilemma auf: Während der Zensursula-Debatte und den Anti-ACTA-Protesten wurde deutlich herausgestellt, dass es dem Staat nicht zuzutrauen ist, zwischen guter und schlechter Internetnutzung zu unterscheiden. Insbesondere nicht, ohne diese Mittel zur politischen Einflussnahme zu missbrauchen. Ebenso sind Vertraulichkeit der Kommunikation und freier Zugang zu Verschlüsselungstechnologie stehende Forderungen der Netzgemeinde. Jetzt aber wird genau diese Unterscheidung in gute und schlechte Software vom Staat erwartet. Das Problem der Grenzziehung bleibt dabei bestehen- was, wenn der Staat die Kontrolle digitaler Rüstungsgüter zum Vorwand nimmt, die Verbreitung von Verschlüsselungstechnik zu beschränken und damit Überwachung zu ermöglichen?

Im netzpolitischen Diskurs ist dieser Konflikt noch nicht zufriedenstellend aufgelöst. Es ist eine berechtigte Forderung, die Verbreitung jeglicher Art von Mitteln, die zur Einschränkung von Menschenrechten eingesetzt werden zu kontrollieren und möglichst zu verhindern. Es ist besonders eklig und mit dem Gerechtigkeitsempfinden in Deutschland nicht vereinbar, die Verbreitung digitaler Rüstungsgüter darüber hinaus noch mit Steuergeldern zu fördern. Die Bundesregierung ist aufgefordert, derartige Praxis zu unterbinden – wirtschaftliche Interessen dürfen nicht über die Einhaltung der Menschenrechte gestellt werden.

Andererseits wird hier auch in der Netzpolitik deutlich, dass jede Freiheit ihre Grenzen an der Freiheit der anderen findet, und es deswegen hundertprozentige Freiheit nicht geben kann. Wenn die Durchsetzung von Freiheiten zur “Freiheit” von Schutz und Sicherheit führt, geht sie zu weit. Das an sich gesunde Misstrauen gegenüber der Kontrolle durch den Staat darf nicht dazu führen, dass dieser keine Massnahmen zur Gewährleistung der Grundrechte mehr implementieren kann.

Vielleicht können zwei weitere Mittel bei der Lösung des Problems helfen: Freie Software, und Freie Netze. Die Kontrolle der Verbreitung von Software steht ohnehin auf tönernen Füssen, da sie auf das eigene Hoheitsgebiet beschränkt ist. Den Unterdrückten ist mehr geholfen, wenn ihnen wirksame Mittel zur Gegenwehr zur Verfügung stehen. Durch Freie Software wird es ihnen ermöglicht, vertrauenswürdigere Systeme aufzubauen, bei denen es schwerer ist, Überwachungssysteme zum Beispiel bereits durch den Hersteller zu installieren. Freie Peer-to-Peer-Netztechnologie erlaubt den Aufbau von “Samisdat”-Netzen, welche die Great Firewall aushebeln. Auf diese Art erlangen Initiativen wie Freifunk eine politische Bedeutung als Mittel gegen Unterdrückung und Überwachung.

Das Bedürfnis des Schutzes der Schwachen wird zum Prüfstein der Freiheitsforderungen in der Netzpolitik und zeigt auf, wie kleinlich die Diskussion um den “Klau” von Musikstücken durch Kinder ist.

Here is to a book that did not exist a week ago – “How to understand an oil contract”

This week, the Open Oil project performed a marvelous stunt – the Oil Contracts Booksprint. Johnny West, Zara Rahman and their supporters gathered oil contract experts from across the globe at Schloss Neuhausen to achieve something that has never done before – create a book that explains how to understand an oil contract. Not only did such a book not exist, they also published it under a Creative Commons license. And because that is not enough of a challenge, they did it all in one week.

Oil ContractsOil contracts determine the share of the oil revenue that the country who owns the oil, the international oil companies and others receive. From the book: “It is petroleum contracts that express how [the] money is split and who makes what profits, just as it is the contracts that determine who manages operations and how issues such as the environment, local economic development, and community rights are dealt with. The share price of ExxonMobil, the question of who carries responsibility for Deepwater Horizon, whether Uganda will be able to stop importing petrol, and how much it costs to heat and light homes in millions of homes ­­ these are issues which depend directly on clauses in the contracts signed between the governments of the world and the oil companies. For most of the 150 years of oil production, these contracts have remained hidden, nested in a broader secrecy that surrounded all aspects of the industry. Governments claimed national security prerogatives, companies said commercial sensitivity precluded making them available.”

open oil booksprint

Photo of the desk at the open oil booksprint.

People who have attended an Open Source developer sprint may notice that the desk in the picture pretty much looks like at one of them. A book sprint applies techniques and tools developed in the Open Source world to authoring. Gather the relevant people, get them to a remote location with little distraction, and then allow them to focus on producing something they are passionate about. As in software, the results are impressive. Collaborative editing tools are used to coordinate between authors, editors and illustrators, similar to version control. It is also noteworthy that of the different expert that attended the sprint, all attended on a pro-bono basis or as part of their day job.

The “How to understand an oil contract” book is a good read even for people who are only casually interested in the politics of oil. How the book was produced serves as a great example of the Open Source way adopted by other, less technology related sectors. And if the book contributes to making oil contracts better understood and more comparable, the world has just become a better place.